– Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress

Cattarius BG (2022)
Bielefeld: Universität Bielefeld.

Bielefelder E-Dissertation | Deutsch
 
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Autor*in
Cattarius, Barbara Gabriele
Gutachter*in / Betreuer*in
Abstract / Bemerkung
#### Hintergrund Während des Übergangsprozesses zur Elternschaft müssen sich die Schwangere und der werdende Vater vielfältigen Bewältigungsaufgaben in physiologischer, psychologischer und sozialer Hinsicht stellen (Gloger-Tippelt, 1988). Zu diesen Herausforderungen gehören für viele Frauen und ihre Partner Schlafstörungen in der Schwangerschaft, die sich bis ins die Zeit der frühen Elternschaft fortsetzen. Schlafstörungen zählen zu den häufigsten Symptomen bei Distress, der dann entsteht, wenn ein Ungleichgewicht besteht zwischen den gestellten Anforderungen und den persönlichen Möglichkeiten und Ressourcen, die zur Verfügung stehen, um derartige Anforderungen zu bewältigen (Lazarus, 1981, S. 204). Distress kann vielfältige negative Wirkungen entfalten, wie z.B. Schwangerschaftskomplikationen (z.B. Ehlert, 2004), Veränderungen bei der Gehirnentwicklung des Feten (z.B. Braun, 2008), An-stieg der Frühgeburtsrate (Gennaro & Hennesy, 2003), Geburtskomplikationen (Ehlert, 2004) und eine Beeinträchtigung der Paarbeziehungsqualität (Cowan & Cowan, 1995). Da-her gilt es Distress möglichst frühzeitig in der Schwangerschaft zu identifizieren. Neben Schlafstörungen erleben Paare im Übergang zur Elternschaft Veränderungen im Paarsystem, die nach der Geburt vor allem des ersten Kindes das Familiensystem in ein Ungleichgewicht bringen kann (Minuchin, 1985). Nachgeburtlich kann Distress im Familiensystem das emotionale Familienklima negativ beeinflussen, mit Auswirkungen auf die kindliche sozial-emotionale Entwicklung (Bouazizi et al., 2019). Die durchgeführten Forschungsbemühungen im Rahmen der vorliegenden Dissertation ha-ben das übergeordnete Ziel, bei Schwangeren und ihren Partnern bzw. Müttern und Vätern im Übergangsprozess mögliche Stressoren zu identifizieren und Interventionsmaßnahmen zu entwickeln, die dazu geeignet sind, möglichen Distress im Familiensystem durch den Auf-bau von Ressourcen und Copingstrategien in Schwangerschafts- und Postpartalzeit zu minimieren. Auf der Basis dieses übergeordneten Ziels werden drei Forschungsdesiderata und Teilziele adressiert, die den Erkenntnissen und Postulaten des nationalen Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt“ (vgl. BMG, 2017) nachkommen sollen. #### Ziel und Gegenstand der Untersuchung Der Fokus der Dissertationsschrift liegt auf der Identifikation von sowohl prä- als auch postpartalem Distress für Frau und Mann. Der Schlaf von Paaren, die sich im Übergang zur Elternschaft befinden, wird untersucht, da bislang hierzu nur unzureichende Untersuchungsergebnisse bei Paaren im Übergang zur Elternschaft in der zurzeit existierenden wissenschaftlichen Literatur vorliegen. Schließlich sollen in der Schwangerschaft mittels geeigneter Interventionen in einem Geburtsvorbereitungskurs Copingstrategien aufgebaut werden, indem Lösungsstrategien vermittelt und bereitgestellt werden. Hierzu entstanden drei Manuskripte (Cattarius & Schlarb, 2016 (M.1); Cattarius & Schlarb, 2020 (M.3); Cattarius & Schlarb, 2021 (M.2), die in die nachfolgenden Abbildung 1 eingeordnet werden und das Vorgehen bei der Untersuchung aufzeigen. Abbildung 1 Die empirischen Studien #### Untersuchungsmethoden und Ergebnisse der Untersuchungen Für Manuskript 1 wurde in Anlehnung an das Modell der Schlaf-Wach-Regulation von Sadeh und Anders (1993) in einer strukturierten Literaturanalyse anhand von 37 Studien nach Hinweisen von möglichen Einflussfaktoren auf den kindlichen und elterlichen Schlaf geforscht. Da viele Eltern hinsichtlich des Babyschlafs unsicher und überfordert sind und sich deshalb häufig an Betreuungspersonen wie Hebammen, Pädiaterinnen und Pädiater sowie Schrei- und Schlafambulanzen wenden, war es das Ziel, umfassendes Wissen zu den genau-en Zusammenhängen und Einflussfaktoren des Schlafs im Familiensystem aufzubauen (Kanis et al., 2015; Lohaus et al., 2007; Sadeh & Anders, 1993; A. Schlarb, 2011; A. Schlarb et al., 2015; Schneider & Schlarb, 2017; Troxel et al., 2007), um einem elterlichen Überlastungssyndrom entgegenzuwirken (Papoušek, 2011) und gleichzeitig einen Appell zu formulieren, dass eine Schlafstörung eines Familienmitgliedes niemals isoliert betrachtet werden darf. Für Manuskript 2 wurde anhand einer Stichprobe von N = 69 Paaren zu zwei Messzeitpunkten (letztes Schwangerschaftsdrittel und drei Monate nach der Geburt) der Schlaf von Frauen und ihren Partnern im Übergang zur Elternschaft erforscht, um Schlafstörungen zu identifizieren, die einen möglichen Stressor im Familiensystem darstellen können. Der Schlaf wurde auf unterschiedliche Weise gemessen. So kamen der Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI; Buysse et al., 1989) und ein Zehn-Tage-Schlafprotokoll (Hoffmann et al., 1997) zum Einsatz. Zu beiden Messzeitpunkten berichteten Frauen eine schlechtere Schlafqualität als Männer. Dies zeigte sich bei verschiedenen Schlafparametern. Allerdings litten auch Männer unter einem Schlafverlust. Die Ergebnisse deuten auf einen prädiktiven Zusammenhang zwischen dem präpartalen Schlaf der Paare und der postpartalen Schlafqualität hin. Allerdings wird der nachgeburtliche Schlaf von Frauen sowohl vom eigenen vorgeburtlichen Schlaf als auch vom vorgeburtlichen Schlaf des Partners beeinflusst. Dagegen wird der nachgeburtliche Schlaf des Mannes nur vom eigenen vorgeburtlichen Schlaf beeinflusst. Weder Parität noch Fütterungsmethode konnten einen entscheidenden Beitrag zur Varianzaufklärung im postpartalen PSQI-Score bei Paaren erklären. Die Tatsache also, dass ein Paar nachgeburtlich eine geringere Schlafqualität berichtete im Vergleich zu anderen Paa-ren, ließ sich weder durch die Parität noch durch die Art der Fütterungsmethode erklären. Die Ergebnisse untermauern die Dringlichkeit, elterliche Schlafstörungen bereits frühzeitig in der Schwangerschaft zu detektieren, damit geeignete Behandlungs- und Interventionsmaßnahmen in die Wege geleitet werden können. Dazu sollten Berufsgruppen effektiv zusammenarbeiten und interdisziplinäre Netzwerke, die hoch kooperativ arbeiten, können initiiert bzw. etabliert werden. Für Manuskript 3 wurden in einer Pilotstudie Daten von N = 103 Schwangeren aus acht Geburtsvorbereitungskursen erhoben (n = 77 Primiparae, n = 26 Multiparae). Ein Kurs um-fasste jeweils sieben Kursabende à zwei Stunden, von denen an sechs Abenden nur Schwangere anwesend waren und an einem Abend der Partner die Schwangere begleitete. Diese Vorstudie, die als Machbarkeitsstudie konzipiert wurde, konnte anhand quantitativer (Prenatal Distress Questionnaire; PDQ) (Yali und Lobel, 1999) und qualitativer Messinstrumente (Prenatal Class Evaluation Questionnaire; PCEQ) (Cattarius & Schlarb, in prep., 2020) Ergebnisse zur Wirksamkeit von Interventionselementen eines multimodalen Geburtsvorberei-tungskurses liefern, für die es im deutschsprachigen Raum bislang nur unzureichende Belege gibt. Die Datenerhebung erfolgte zu zwei Messzeitpunkten (vor Kursbeginn und nach Kursabschluss). Die Akzeptanz wurde mittels eines umfassenden Evaluationsbogens erhoben, der speziell für diese Studie entwickelt wurde, da bisher keine Evaluationsinstrumente für Geburtsvorbereitungskurse in Deutschland vorliegen. Nach dem Geburtsvorbereitungskurs fand sich eine signifikante Mittelwertdifferenz basierend auf dem PDQ total und auf allen Subskalen des PDQ (Yali und Lobel, 1999). Der wahrgenommene pränatale Distress der Schwangeren nahm zwischen den Messzeitpunkten ab (T1 = vor Kursbeginn, T2 = nach Kursabschluss). Die Auswertung der quantitativen und qualitativen Angaben zeigte eine ho-he Akzeptanz und Effektivität seitens der Teilnehmerinnen für das gewählte Kursformat. Die Studienergebnisse tragen zur Evidenzbasierung von Geburtsvorbereitungskursen mit konventionellen und systemischen Inhalten bei. Somit konnte eindeutig aufgezeigt werden, dass derartig konzipierte Kurse geeignet sind vorgeburtlichen Distress bei der Schwangeren zu vermindern. Darüber hinaus können damit verbunden auch positive Auswirkungen für das Ungeborene und die Paarbeziehung angenommen werden. Auch nachgeburtlich können derartige Interventionen durch den Aufbau von vorgeburtlichen Copingstrategien positive Wirkungen im Familiensystem entfalten, und familiäre Schutzfaktoren können frühzeitig wirksam werden, mit positiven Auswirkungen auf Mutter, Vater und Kind. #### Fazit Die Ergebnisse der Studien, die im Rahmen dieser Dissertation entstanden sind, leisten einen bedeutsamen Beitrag zur Erforschung des Übergangs zur Elternschaft und können somit dazu beitragen, eine gesunde Schwangerschaft zu fördern sowie Distress in der Schwangerschaft zu minimieren, eine physiologische Geburt zu fördern, die frühe Phase der Elternschaft und die Unterstützung der Familienentwicklung im ersten Jahr nach der Geburt anzuerkennen und zu stärken, um die gesunde Entwicklung von Eltern und Kind zu ermöglichen und zu fördern – ganz im Sinne des nationalen Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt“ des Bundesministeriums für Gesundheit (vgl. BMG, 2017). #### Literatur Bundesministerium für Gesundheit. (Hrsg.). (2017). Nationales Gesundheitsziel: Gesundheit rund um die Geburt. Kooperationsverbund gesundheitsziele.de. Bouazizi, A., Eickmeyer, S., Stoyanova, P., Petermann, F., Reinelt, T. & Herzmann, C. (2019). Die elterliche Beziehungsqualität als Ressource für die frühkindliche sozial-emotionale Entwicklung in den ersten Lebensjahren. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie. https://doi.org/10.1024/1661- 747/a000384 Braun, A. K. (2008). Zum Lernen geboren. Optimierung des Gehirns durch frühe Bildung. Frühe Kindheit, Zeitschrift der deutschen Liga für das Kind. Zeitschrift frühe Kindheit, 03. http://liga- kind.de/fk-308-braun/ Buysse, D. J., Reynolds, III. C. F., Monk, T. H., Berman, S. R. & Kupfer, D. J. (1989). The Pittsburgh Sleep Quality Index: A new instrument for psychiatric practice and research. Psychiatry Research, 28, 193–213. Cattarius, B. G & Schlarb, A. A. (2021). 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Jahr
2022
Seite(n)
191
Page URI
https://pub.uni-bielefeld.de/record/2962410

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Cattarius BG. – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress. Bielefeld: Universität Bielefeld; 2022.
Cattarius, B. G. (2022). – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress. Bielefeld: Universität Bielefeld. https://doi.org/10.4119/unibi/2962410
Cattarius, B. G. (2022). – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress. Bielefeld: Universität Bielefeld.
Cattarius, B.G., 2022. – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress, Bielefeld: Universität Bielefeld.
B.G. Cattarius, – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress, Bielefeld: Universität Bielefeld, 2022.
Cattarius, B.G.: – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress. Universität Bielefeld, Bielefeld (2022).
Cattarius, Barbara Gabriele. – Vom Liebespaar zum Elternpaar – Herausforderungen im Übergangsprozess erkennen und begegnen: Veränderungen im Familiensystem, Schlaf und Distress. Bielefeld: Universität Bielefeld, 2022.
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