Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung

Gülich E, Couper-Kuhlen E (2007)
In: Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion. Schmitt R (Ed); Studien zur deutschen Sprache, 38. Tübingen: Narr: 293-338.

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Schmitt, Reinhold
Abstract
Gegenstand des Beitrags von Gülich/Couper-Kuhlen ist ein Arzt-Patienten-Gespräch. Anhand dieses Gesprächs gehen sie der Frage nach, wie Sprache, Stimme und Körper als kommunikative Ressourcen eingesetzt werden können, um im Gespräch unterschiedliche Typen von Angst zu differenzieren. Koordination tritt hier als im Gespräch erzeugte "Bündelung" von Merkmalen aus verschiedenen Ausdrucksebenen in Erscheinung, mit deren Hilfe der Patient seine Angstempfindungen zum Ausdruck bringt. Das untersuchte Gespräch gehört zum Korpus der Kooperationsgruppe "Kommunikative Darstellung und klinische Repräsentation von Angst", die im Jahr 2004 am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung gearbeitet hat. Im Gespräch mit dem Arzt differenziert ein Patient zwei unterschiedliche Arten seiner Angst, die die Autorinnen mit den Begriffen "epileptische Angst" und "alltägliche Angst" belegen. Diese Differenzierung gelingt ihm mit Hilfe "szenischer Darstellungen". Mit diesem Begriff beziehen sich die Autorinnen auf rhetorische Verfahren, mit denen Ereignisse nicht nur "nacherzählt", sondern vielmehr "nachgespielt" werden, so dass den Gesprächpartnern das erzählte Geschehen und die damit verbundenen Emotionen oder Affekte lebendig vor Augen gestellt werden. In der Forschung gut untersuchte Verfahren der szenischen Darstellung sind etwa die direkte Rede oder das szenische Präsens. Gülich/Couper-Kuhlen beschränken sich aber nicht auf diese sprachlichen Verfahren, sondern interessieren sich aus multimodaler Perspektive dafür, wie der Patient das Zusammenspiel von sprachlichen, stimmlichen und körperlichen Verfahren der szenischen Darstellung organisiert und wie er diese Verfahren für die Unterscheidung von Angstformen nutzt. Die Analyse ergibt folgendes Bild: Die Darstellung der "epileptischen Angst" ist auf der sprachlichen Ebene durch häufige Reformulierungen, Abbrüche, Selbstreparaturen und Verzögerungen gekennzeichnet, die die eigentliche Unmöglichkeit signalisieren, diese Art von Angst in Worte zu fassen. Auf der stimmlichen Ebene lassen sich eine sich häufig wiederholende charakteristische Tonhöhenkontur und eine weinerlich-kindliche Stimmqualität feststellen. Gleichzeitig beobachten die Autorinnen eine reduzierte Gestik und eine auffallende Starrheit der Körperhaltung. Ganz anders die szenische Darstellung der "alltäglichen Angst": Hier ist die Rede flüssig, und auf die Angst auslösenden Ereignisse wird mit wenig kommunikativem Aufwand referiert. Die Prosodie ist variabel und wird durch eine lebendige, raumgreifende Gestik unterstützt. Für die Multimodalitätsforschung interessant ist die Tatsache, dass die im Arzt-Patienten-Gespräch entwickelte Angsttypologie nicht mit Hilfe von sprachlichen Benennungen entwickelt wird – die Bezeichnungen "epileptische" und "alltägliche Angst" stammen von den Autorinnen. Es sind die oben beschriebenen "Bündelungen" multimodaler Ausdrucksmittel, mit deren Hilfe der Patient im Gespräch die Unterscheidung seiner Ängste leistet.
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Gülich E, Couper-Kuhlen E. Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung. In: Schmitt R, ed. Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion. Studien zur deutschen Sprache. Vol 38. Tübingen: Narr; 2007: 293-338.
Gülich, E., & Couper-Kuhlen, E. (2007). Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung. In R. Schmitt (Ed.), Studien zur deutschen Sprache: Vol. 38. Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion (pp. 293-338). Tübingen: Narr.
Gülich, E., and Couper-Kuhlen, E. (2007). “Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung” in Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion, ed. R. Schmitt Studien zur deutschen Sprache, vol. 38, (Tübingen: Narr), 293-338.
Gülich, E., & Couper-Kuhlen, E., 2007. Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung. In R. Schmitt, ed. Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion. Studien zur deutschen Sprache. no.38 Tübingen: Narr, pp. 293-338.
E. Gülich and E. Couper-Kuhlen, “Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung”, Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion, R. Schmitt, ed., Studien zur deutschen Sprache, vol. 38, Tübingen: Narr, 2007, pp.293-338.
Gülich, E., Couper-Kuhlen, E.: Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung. In: Schmitt, R. (ed.) Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion. Studien zur deutschen Sprache. 38, p. 293-338. Narr, Tübingen (2007).
Gülich, Elisabeth, and Couper-Kuhlen, Elizabeth. “Zur Entwicklung einer Differenzierung von Angstformen im Interaktionsverlauf: Verfahren der szenischen Darstellung”. Koordination : Analysen zur multimodalen Interaktion. Ed. Reinhold Schmitt. Tübingen: Narr, 2007.Vol. 38. Studien zur deutschen Sprache. 293-338.
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